Man erzählt, dass vor langer Zeit ein unsäglich melancholischer Prinz lebte. Er war stets traurig und betrübt, und sein Gesicht war immerfort finster, sodass die Leute ihn Tamas nannten (im Sanskrit bedeutet Tamas „dunkel“). Alle waren überaus besorgt und riefen berühmte Weise und Ärzte herbei, um herauszufinden, wie man den Prinzen heilen könne.
Ein Weiser sagte ihnen: „Der Prinz würde genesen, wenn er das Hemd eines glücklichen Menschen anziehen würde!“
Für einen Augenblick wurde der Prinz heiter und sandte sogleich Boten in das ganze Königreich aus, um einen glücklichen Menschen zu finden, dem man mit viel Gold sein Hemd abkaufen sollte.
Die königlichen Abgesandten durchzogen das gesamte Reich, fanden aber nur nörgelnde, gehetzte, murrende, traurige Menschen mit finsteren Mienen, unglücklich, krank, verbittert, elend. Sie konnten nicht einen einzigen glücklichen Menschen finden.
Prinz Tamas wartete, aber seine Boten verspäteten sich, sie kehrten nicht mehr zurück.
Einer der Gesandten gelangte in den entlegensten Winkel des Reiches und fand einen sehr fröhlichen Mann. Er verrichtete singend seine Arbeit, er arbeitete fröhlich, er schien glücklich zu sein. Der Gesandte, aus Furcht, einen Fehler zu machen, beobachtete ihn genau und achtete darauf, wie er sich seiner Familie gegenüber verhielt. Er verwöhnte seine Frau, schmeichelte ihr, sprach schön und liebevoll mit ihr, obwohl sie schon lange verheiratet zu sein schienen. Mit den Kindern ging er aufmerksam und sanft um, er beschützte sie und spielte täglich mit ihnen.
Dies war der gesuchte Mann. Er schien das Geheimnis des Glücks zu kennen und hatte gewiss das Hemd des Glücks! Es blieb nur noch, das Hemd des Glücks zu nehmen.
Er stürzte auf jenen Mann zu und riss ihm mit Hilfe von Soldaten das alte, verblichene, geflickte und wieder geflickte Gewand von den Schultern. Aber der Mann trug kein Hemd unter seinem Gewand. Der glückliche Mann war so arm, dass er nicht einmal ein Hemd besaß. Doch er hatte Gott in seiner Seele!