Ein Tourist, der bei einer Bergbäuerin ein Sommerzimmer gemietet hatte, fragte die Frau: „Kann man hier irgendwo zur Göttlichen Liturgie gehen?“
„Selbstverständlich“, antwortete sie. „Es gibt in der Nähe eine kleine Kirche. Ich gehe auch dorthin.“ Und in ihrer einfachen, aber schönen Stube entspann sich ein Gespräch.
An einer Wand des Zimmers hingen viele Fotografien von verschiedenen Personen, jüngeren und älteren.
„Das ist mein Mann“, antwortete die Bergbäuerin auf die Frage ihres Gastes. „Er ist beim Holzfällen gestorben. Das sind meine beiden Söhne. Sie sind im Krieg gefallen. Und das ist meine Tochter. Sie ist an Krebs gestorben.“
„So viel Unglück! Wie kann man so etwas nur ertragen?“, fragte der Tourist.
Die Frau antwortete: „In diesem Fall hilft kein Trost mehr, der von unten kommt; er muss von oben kommen. Beim ersten Todesfall ist man voller Schmerz, aber wenn die Zahl der Todesfälle wächst, dann verstummt man.“
„Ja, das kann man verstehen“, dachte der Gast.
„Aber das nützt nichts“, sagte die Bergbäuerin. „Zuerst habe ich es dem lieben Gott übel genommen, dass er meine Familie zu sich gerufen hat. Ich habe geklagt, aber keinen Trost gefunden. Denn am Ende wurde ihm seine Familie ja zurückgegeben. Damals bin ich auch nicht mehr in die Kirche gegangen. Bis mir eines Sommers ein Gast dieses Kruzifix schenkte, das Sie dort an der Wand hängen sehen, hier in der Ecke. Ich habe stundenlang davor verweilt, monatelang im Winter, als ich keine Gäste hatte und Zeit zum Nachdenken fand. Ja, Christus hat mehr gelitten als ich. Was ist mein Leid im Vergleich zu Seinem? Und hier habe ich die Kraft gefunden, zu leben und mir nehmen zu lassen, was der Herr mir gegeben hat.“