Zum Inhalt springen

Gleichnis

Aus Liebe

Es lebte einmal ein Gläubiger, der für sein strenges Leben bekannt war. Eines Tages rief er Gott vor dem Altar an und sprach zu Ihm: „Herr, ich wäre bereit, alles, absolut alles, aus Liebe zu Dir zu tun. Unterziehe mich jeder Prüfung, und Du wirst sehen, dass ich die Wahrheit sage.“

Eine engelsgleiche Stimme sprach zu ihm: „Nimm ein Gefäß, fülle es bis zum Rand mit Öl, setze es auf deinen Kopf, durchquere den Marktplatz und dann die Stadt, Straße für Straße, und kehre zurück, aber gib acht, dass du keinen einzigen Tropfen Öl verschüttest.“

Der Mann füllte das Gefäß, setzte es auf seinen Kopf und machte sich mit ausgestreckten Armen auf den Weg, um das Gleichgewicht zu halten, wobei er bei jedem Schritt wiederholte: „Kein Tropfen darf verschüttet werden!“

Es war Markttag, und der Mann durchquerte die ganze Stadt, Straße für Straße, ohne auch nur einen Tropfen Öl zu verlieren. Zufrieden kehrte er zurück und stellte das Gefäß in der Kirche ab. Er nahm die Ikonen als Zeugen für seinen Sieg, doch es herrschte Schweigen. Auch in den folgenden Tagen blieben die Ikonen stumm.

Von Verzweiflung erfasst, weinte der Mann mit dem Kopf auf den Knien bitterlich und wiederholte unter Schluchzen: „Und doch wurde kein einziger Tropfen verschüttet.“

Da ertönte wieder eine Stimme: „Was brauche Ich dein Öl, o Mensch? Was soll Ich, Gott, mit einem Gefäß voll Öl anfangen? Wie oft, o Mensch, hast du an Mich gedacht, während du das Gefäß auf deinem Kopf trugst? Nicht ein einziges Mal!“ So war es, der Mann hatte nur an das Öl gedacht. „Besser wäre es gewesen, du hättest das Gefäß umgestoßen und in Liebe an Mich gedacht. Lass die Prüfungen beiseite, die dich berühmt machen, und liebe Mich wahrhaftig.“