Eine junge Frau kam eines Nachmittags nach Hause. Sie hatte einen schweren Tag mit vielen Problemen hinter sich und war nun müde und verärgert. Ihre Mutter, eine ältere Frau, eilte ihr entgegen. Sie setzten sich zusammen an den Tisch, doch wie jede Mutter sah sie sofort die Traurigkeit in der Seele ihrer Tochter und versuchte, sie zu beruhigen.
„Lass mich in Ruhe, Mama! Glaubst du, alles lässt sich einfach so lösen? Du weißt ja nicht einmal, worum es geht.“
„Aber du kannst es mir erzählen“, antwortete die Mutter geduldig. „Vielleicht könnte ich dir helfen…“
„Womit willst du mir helfen, mit Ratschlägen? Ich habe genug von all den Fragen und Ratschlägen. Lass mich in Ruhe!“, rief die junge Frau noch und ging eilig davon, wobei sie die Tür zuschlug.
Gegen Abend, als sie sich beruhigt hatte und ihren Fehler erkannte, den Kummer, den sie ihrer Mutter sicherlich bereitet hatte, kehrte sie zurück. Zu Hause jedoch fand sie ihre Mutter im Sessel vor dem Fenster wartend, den Kopf auf die Brust gesenkt, als wäre sie eingeschlafen. Aber sie war gestorben, an einem Herzleiden gestorben, genau an jenem Nachmittag.
Vergebens waren die Tränen, die folgten, vergebens war all der Schmerz der Tochter. Die Mutter war gestorben, und die letzten Worte, die sie von ihrem Kind gehört hatte, waren: „Lass mich in Ruhe!“
Das schmerzte die junge Frau am meisten: Die Mutter war gestorben, ohne dass sie ihr eigentlich gesagt hatte, wie sehr sie sie liebte, wie sehr sie ihre Anwesenheit, ihre Ratschläge, ihre Liebe brauchte – die Liebe einer Mutter.
„Nach Gott liebe ich niemanden so sehr wie meine Mutter“ – Der selige Hieronymus.