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Gleichnis

Der Ausdruck wahrer Liebe

Es war ein geschäftiger Morgen in der Praxis, als gegen 08:30 Uhr ein älterer Herr mit einem verbundenen Finger hereinkam. Er sagte mir sofort, dass er es sehr eilig habe, da er um 09:00 Uhr einen festen Termin hätte. Ich bat ihn, Platz zu nehmen, obwohl ich wusste, dass es noch mindestens eine halbe Stunde dauern würde, bis der Arzt erscheinen würde.

Ich beobachtete, wie ungeduldig er mit jeder vergehenden Minute auf seine Uhr schaute. Währenddessen dachte ich mir, dass es nicht schlecht wäre, seinen Verband zu entfernen und zu sehen, worum es sich handelte. Die Wunde schien nicht so schlimm zu sein… In Erwartung des Arztes beschloss ich, seine Wunde zu desinfizieren und begann ein kleines Gespräch.

Ich fragte ihn, wie dringend sein Termin sei und ob er nicht lieber auf die Ankunft des Arztes warten wolle, um die Wunde behandeln zu lassen. Er antwortete mir, dass er unbedingt ins Sanatorium müsse, wie er es schon seit langer Zeit tue, um mit seiner Frau zu frühstücken.

Höflich erkundigte ich mich nach der Gesundheit seiner Frau. Gelassen erzählte mir der alte Herr, dass seine Frau schwer an Alzheimer erkrankt sei und seit einiger Zeit unter sorgfältiger Beobachtung im Sanatorium lebe.

In dem Gedanken, dass seine Frau in einem lichten Moment durch seine Verspätung beunruhigt sein könnte, beeilte ich mich, seine Wunde zu behandeln, aber der alte Mann erklärte mir, dass sie sich nicht mehr erinnere, wer er sei…

Daraufhin fragte ich ihn verwundert: „Und Sie gehen trotzdem jeden Tag hin, um gemeinsam zu frühstücken?“ Mit einem sanften Lächeln und einer streichelnden Geste auf meiner Hand antwortete er: „Es stimmt, dass sie nicht mehr weiß, wer ich bin, aber ich weiß sehr wohl, wer sie ist“.

Ich war sprachlos und ein Schauer durchlief mich, während ich dem alten Mann nachsah, wie er sich mit eiligen Schritten entfernte. Ich unterdrückte meine Tränen und sagte mir im Stillen: „Das ist die Liebe, das ist, was ich mir vom Leben wünsche! … Denn ist das im Grunde nicht die wahre Liebe?! … nicht unbedingt körperlich und auch nicht idealistisch romantisch. Zu lieben bedeutet, zu akzeptieren, was war, was ist, was sein wird und was noch nicht geschehen ist. Die glücklichen und erfüllten Menschen sind nicht unbedingt diejenigen, die von allem das Beste haben, sondern diejenigen, die wissen, wie man aus allem, was sie haben, das Beste macht“.