„Mir geht es gut. Mama weiß, dass sie mich allein zu Hause lassen kann. Sie ist gerade einkaufen gegangen. Sie weiß, dass ich an meinem Tischchen bleibe und meine Hausaufgaben mache: 3 x 4 = 12; 4 x 3 = 12; 2 x 5 + 2 = 12. Aber ich stehe mal kurz auf. Es ist nicht gut, die ganze Zeit zu sitzen, ohne sich zu bewegen. Ja, ich tue ja nichts Schlechtes. Ich will aufstehen und ans Fenster gehen.
Zwölf ist eine schöne Zahl. Man könnte ein ganzes Heft mit der Zahl zwölf vollschreiben. Aber jetzt gehe ich ein wenig im Haus umher. Das ist nichts Schlechtes. Viele denken besser, während sie gehen. Und ich denke an nichts anderes als an die Zahl zwölf: 2 x 6 = 12. Ich gehe ein wenig im Haus umher. Ich will sehen, ob sie etwas bemerkt hat. Wenn die Brieftasche noch in der Küchenschublade ist, dann hat sie nichts bemerkt. Aber ich werde nichts nehmen. Nein, ich habe mich völlig verändert, ich werde nichts nehmen. Heute nicht, absolut nicht. Die Brieftasche ist in der Schublade. Ich öffne sie nicht, sondern setze mich wieder an mein Tischchen und schreibe: 2 x 6 = 12.
Aber ich öffne sie doch. Nur um zu sehen, ob sie etwas bemerkt hat. Ob Geld drin ist. Aber ich werde nichts nehmen. Ich öffne sie und es ist viel Geld darin. Viele Münzen. Auf den ersten Blick sieht man gar nicht, wie viele. Jetzt weiß ich, dass sie nichts bemerkt hat. Jetzt kann ich die Schublade schließen und an meinen Tisch gehen und schreiben. Aber was genau? Sie hat nichts bemerkt. Und wenn so viel Geld da ist, wird sie auch nicht bemerken, dass etwas fehlt. Da sind drei 500er-Münzen. Ich kann problemlos eine nehmen. Aber ich nehme nichts. Das tue ich nicht mehr. Ich habe Angst, dass sie es bemerken wird. Aber sie kann es nicht bemerken. Ob es zwei Münzen oder drei sind, ist nicht so wichtig. Natürlich gehört es auch mir. Uns allen. Ich darf nichts nehmen. Wer kann entscheiden, was ich darf und was nicht, wenn mich niemand sieht? Es ist schwierig.
Ich will nicht. Doch, ich will. Ich hätte gern eine 50er-Münze. Nein. Doch. Nein. Doch. Ich kann nicht ewig so dastehen. Ich gehe. Ich gehe meine Hausaufgaben fertig machen...“.
Die Versuchung ist ein starker Köder, aber sie ist nicht stärker als die geistliche Belastbarkeit eines jeden Menschen. Das Gebet ist es, was den Unterschied ausmacht zwischen einer nicht verwirklichten Versuchung und einer, die zur Tat wird. Bete zu Gott, o Mensch, wenn du versucht bist, etwas Böses zu tun – sprich mit Glauben, in deinem Verstand, mehrere Dutzend Male „Herr Jesus Christus, Sohn und Wort Gottes, um der Gottesmutter willen, erbarme dich meiner, des Sünders / der Sünderin“, und du wirst gewiss die nötige Hilfe erhalten, um nicht in Versuchung zu fallen, vorausgesetzt, auch du selbst willst nicht fallen.