Eines Tages kam Isaak der Thebäer, der weit entfernt in der Wüste der Thebais lebte, zu einem heiligen Kloster, und als er erfuhr, dass ein Schüler mehrmals gesündigt hatte, verurteilte er ihn. Nach dem Urteil kehrte er in seine Einsiedelei zurück. Als er sich seiner Zelle näherte, sah er mit Erstaunen, wie vor der Tür ein junger Mann stand, leuchtend wie die Sonne, mit einem Schwert in der Hand.
„Wer bist du“, fragte der Ältere, „und was begehrst du von mir?“
„Ich bin der Erzengel Michael“, antwortete der junge Mann. „Ich lasse dich nicht hinein.“
„Aus welchem Grund, erhabener Erzengel?“
Und der Engel antwortete: „Gott hat mich hierher gesandt und gesagt: Frage Isaak, was er befiehlt, dass ich mit seinem Bruder tun soll, den er gerichtet und verurteilt hat?“
Der Ältere schämte sich sogleich und sagte reuigmütig: „Ich habe gefehlt, vergib mir!“
Der Engel antwortete: „Steh auf, Gott hat dir vergeben. Hüte dich von nun an, jemanden zu richten, bevor Gott ihn gerichtet hat.“
Wie streng wir sind, wenn wir andere richten, und mit welcher Eile sind wir bereit zu verurteilen und Urteile zu fällen! Wären wir doch strenger mit uns selbst und sanftmütig und verständnisvoll mit den anderen!