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Gleichnis

Das höhere Gesetz

Es war in einem armen und übervölkerten Viertel im Süden Manhattans. Ein Mann lebte mit seinem kranken Sohn in der Mietwohnung des Arztes Kurt. Selbstverständlich durfte Kurt dem armen Jimmy, dem Sohn seines Mieters, nicht helfen. Als er ins Land gekommen war, hatte er das Staatsexamen noch nicht abgelegt, obwohl er in Berlin als Allgemeinarzt für Kinder geschätzt wurde. Und doch wurde er gebeten, sich um den Jungen zu kümmern.

Er lehnte ab und bestand darauf, dass ein Arzt gerufen werde. Dieser kam jedoch zum dritten Mal nicht mehr, weil er nicht wie gewünscht bezahlt worden war, und Jimmy konnte nicht mehr transportiert werden. Sein Fieber stieg immer weiter an und seine Atmung wurde sichtlich schwerer.

Da beugte sich der Mieter zu Kurt und flüsterte ihm zu: „Sie sind doch Arzt. Bitte, lassen Sie ihn nicht sterben!“ Kurt wusste genau: Wenn er eingreifen würde, würde er gegen das Gesetz verstoßen, was für ihn Ausweisung und Armut bedeuten würde. Aber vor ihm lag ein Kind, schweißgebadet und von Fieber und schrecklichen Schmerzen geplagt.

Zehn Tage lang kämpfte Kurt um das Leben des Kindes. Doch an dem Tag, als Jimmy zum ersten Mal wieder aus dem Bett aufstehen konnte, wurde Kurt verhaftet. Der Arzt, der eigentlich hätte kommen sollen, hatte ihn angezeigt.

Am nächsten Tag verbreitete sich die Nachricht von Kurts Verhaftung unter allen Bewohnern des Viertels. Als Reaktion darauf erschien keiner von ihnen zur Arbeit. Alle gingen zum Gericht in New York. Über hundert Menschen schafften es, in den Saal zu gelangen. Der Richter blickte erstaunt auf die stille Menge. „Ist er schuldig oder nicht schuldig?“, fragte der Richter. Bevor Kurt den Mund aufmachen konnte, riefen die anderen Menschen laut: „Er ist unschuldig!“

„Ruhe!“, rief der Richter mit fester Stimme. „Ich werde Sie aus dem Saal werfen, wenn Sie weiter Lärm machen“. Dann blickte er auf ihre eingefallenen Gesichter und ihre gebeugten Rücken und fragte sie: „Was wollt ihr?“ Der Mieter begann, ihm die Geschichte zu erzählen. Gegen Ende sagte er: „Deshalb sind wir hier. Und falls Sie unseren Doktor zu einer Geldstrafe verurteilen, wir haben 86 Dollar gesammelt.“

Der Richter stand auf und lächelte. Dann schlug er mit dem Hammer auf den Tisch und sprach: „Sie haben gegen das menschliche Gesetz verstoßen, um einem höheren, dem göttlichen Gesetz zu gehorchen. Ich spreche Sie von Ihrem Vergehen frei.“