Man erzählt aus alter Zeit, dass ein König eine prächtige Kathedrale zur Ehre Gottes erbauen wollte. Kein anderer Mensch durfte mit Geld zu diesem Bau beitragen. Das ganze Werk wollte er aus seinem eigenen Vermögen vollbringen.
Als der Bau vollendet war, befahl er, auf eine Marmortafel mit vergoldeten Buchstaben die folgenden Worte zu schreiben: „Diese Kathedrale wurde allein mit dem Geld des Königs erbaut.“ Am nächsten Morgen erstarrten alle, denn es stand nicht mehr der Name des Königs geschrieben, sondern der Name einer armen Frau. Der König befahl sogleich, den Namen zu ändern. Am folgenden Tag wiederholte sich die Geschichte.
Da erkannte der König, dass er in seinem Herzen großen Stolz für dieses heilige Gotteshaus trug. Er ordnete an, die Frau zu suchen und zu ihm zu bringen. Zitternd trat sie vor ihn. „Sag mir die ganze Wahrheit“, sprach der König freundlich zu ihr. „Hast du etwas zum Bau dieser Kathedrale beigetragen, obwohl es verboten war?“
Da fiel die Frau auf die Knie zu den Füßen des Königs und sagte ihm mit Tränen in den Augen: „Verzeiht mir, Majestät! Ich muss mein tägliches Brot mit Spinnen verdienen. Dennoch habe ich ein wenig Geld gespart und wollte es mit großer Freude zur Ehre Gottes geben. Aber ich kannte Euren Befehl und fürchtete mich vor der Strafe. Deshalb kaufte ich ein wenig Heu und gab es den Ochsen, die die Steine für die Kathedrale zogen. So erfüllte ich mir meinen Wunsch und habe dennoch Euren Befehl nicht übertreten!“
Und der König bereute seinen Egoismus und gab der Frau so viel Geld, dass sie von diesem Augenblick an nicht mehr arbeiten musste.