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Gleichnis

Das Dorf ohne Regeln

Die Leute im Dorf hatten die Regeln satt. Alles war vorgeschrieben: Wann man aufstehen musste, wann man zur Arbeit gehen sollte, wann Sonntag und wann Werktag war. Für die Schüler war vorgeschrieben, wann die Schule begann, dass sie ein Taschentuch bei sich haben und zu Hause die Zähne putzen mussten. Es gab Verkehrsregeln, Regeln für das Klavierspielen. Es gab wirklich viele Vorschriften, und die Leute beschlossen, dass von nun an diese Regeln nicht mehr gültig sein sollten.

Es schien schön zu sein. Die Schule war natürlich leer, denn alle Kinder waren zum Schwimmen gegangen; die Leute stellten ihre Tische auf die Straße, weil dort die Sonne schien; die Jugendlichen drehten die Kassettenrekorder auf volle Lautstärke und ließen sie Tag und Nacht laufen; als Peter aus dem Wasser kam, fand er seine Hose nicht mehr. Klaus hatte sie genommen. „Es gibt keine Regeln mehr“, rief er und rannte davon; Maja fand die kleine Esther aus dem Stockwerk über ihr in ihrem Zimmer. Sie wollte gerade ihre Puppe kaputtmachen. „Was machst du hier, Esther?“ „Es gibt keine Regeln mehr“, sagte die Kleine, nahm die Puppe und rannte aus dem Zimmer. „Ich war in der Schule“, sagte Bruno. „Lüg mich nicht an!“, schrie der Vater. „Es gibt keine Regeln mehr. Also habe ich nicht gelogen.“

Als die Leute schlafen wollten, konnten sie es wegen der lauten Musik nicht. Viele fanden ihr Geld nicht mehr an seinem Platz; die Kinder schliefen, wo sie gerade waren; die Autos hupten grundlos auf der Straße und beschädigten die kleinen Tische, die auf der Straße standen. „Wo sind die Kinder? Wer hat meinen Tisch kaputt gemacht? Wo ist mein Geld? Wo ist die Polizei?“ Aber unter der Telefonnummer der Polizei hob niemand den Hörer ab. Denn wenn es keine Regeln gibt, braucht man auch niemanden, der sie beschützt.

Noch in derselben Nacht begannen die Kirchenglocken zu läuten. Die Leute versammelten sich, und einer sagte: „So kann man nicht mehr leben.“ „Nein, so können wir nicht mehr leben“, sagten auch die anderen. „Wir brauchen Regeln“, rief einer. „Ja, wir wollen wieder Regeln“, riefen alle.

Sie begannen, wieder Regeln aufzustellen. Die Kinder sollen auf ihre Eltern hören. Die Eltern sollen ihre Kinder lieben. Man darf einander kein Leid zufügen. Man darf nicht stehlen. Man muss die Wahrheit sagen, kurz gesagt, man soll die Gebote Gottes befolgen. „Wir wollen diese Gebote“, sagten alle und gingen friedlich nach Hause.