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Gleichnis

Aufrichtigkeit

Während des Krieges war das Leben sehr hart und die Menschen litten Hunger. Aber ein reicher Mann beschloss, den Armen zu helfen, und ließ in der ganzen Stadt verkünden, dass er vom nächsten Tag an jedem Kind Brot geben würde, und zwar ohne Bezahlung.

Am nächsten Tag, schon im Morgengrauen, hatten sich viele Kinder vor dem Haus des so gutherzigen Mannes versammelt. Als dieser mit großen, mit Brot gefüllten Körben erschien, stürzten sich die Kinder darauf, schubsten und stießen sich, jeder bemüht, ein möglichst großes Brot zu ergattern. Jeder, der ein Brot in die Hand bekam, rannte davon, froh, ein größeres Stück erwischt zu haben. Es herrschte ein gewaltiger Lärm …

Aber der Mann bemerkte, dass irgendwo am Rande des Hofes ein kleines Mädchen geduldig wartete. Nachdem alle anderen Kinder sich die Brote ausgesucht hatten, die sie wollten, und damit weggegangen waren, näherte auch das Mädchen sich dem ersten Korb und schaute hinein. Aber dort war nichts mehr übrig geblieben. Sie schaute auch in den zweiten Korb, aber auch dieser war leer. Zu ihrer Freude fand sie auf dem Boden des dritten Korbes ein winziges, kleines Brot, das kein Kind beachtet hatte. Das Mädchen nahm es, bedankte sich höflich für das Brot und ging nach Hause.

Den ganzen Tag dachte der Mann darüber nach, wie sich dieses Mädchen verhalten hatte, und befahl daraufhin in der Küche, ein kleines Brot zu backen, in das aber 10 Goldstücke gelegt werden sollten. Dann, am frühen Morgen, legte er das kleine Brot über die anderen Brote und ging wieder mit allen Körben in den Hof, wo sich die Kinder bereits ungeduldig versammelt hatten.

Wieder stürzten sie sich darauf und begannen zu streiten. Am Ende bekam unser Mädchen, das wie am Vortag geduldig gewartet hatte, wieder nur das kleinste Brot, das einzige, das übrig geblieben war. Und auch diesmal bedankte sie sich höflich bei dem Mann und eilte nach Hause, wo ihre Mutter auf sie wartete.

Als sie sich an den Tisch setzten und die Frau das Brot brach, was geschah da?! Die Goldstücke fielen aus dem frischen Teig auf den Tisch. „Oh, Gott!“, erschrak die Mutter, „was soll das mit diesem Geld sein? Was, wenn das Geld aus Versehen in das Brot gelangt ist, das du gebracht hast? Vielleicht sind sie dem Bäcker beim Kneten des Teiges heruntergefallen. Nimm sie und bring sie sofort zurück!“

Das Mädchen kehrte zum Haus des Mannes zurück und gab ihm all das Geld; sie erzählte ihm, wie ihre Mutter es in dem erhaltenen Brot gefunden hatte. Der Mann sah sie liebevoll an und antwortete: „Dieses Geld ist nicht zufällig dorthin gelangt. Nachdem ich gestern gesehen habe, wie geduldig du warst und wie du dich sogar mit weniger zufriedengegeben hast, beschloss ich, dich zu belohnen. Heute habe ich auch gesehen, wie ehrlich du bist, denn du hättest alles behalten können, aber du hast mir das Geld zurückgebracht. Als Belohnung wirst du jeden Morgen, wenn du kommst, um dir ein Brot zu holen, auch zehn Goldstücke erhalten.“

Mein Gott, wie glücklich war das Mädchen! Sie wusste nicht, wie sie dem Mann für so viel Güte danken sollte. Sie rannte zu ihrer Mutter und gab ihr die Münzen, woraufhin sie ihr alles erzählte. Die Mutter gab ihr auch diesmal einen Rat, und das Mädchen folgte ihm.

So geschah es, dass das Mädchen von da an jeden Morgen, wenn sie die Goldstücke erhielt, in die Mitte der anderen Kinder ging und alle Münzen mit ihnen teilte. Sie wusste, dass auch die anderen Barmherzigkeit genauso sehr brauchten wie sie.

„Armut oder Reichtum können die LIEBE nicht besiegen, aber die LIEBE kann sowohl Armut als auch Reichtum besiegen“ (Heiliger Johannes Chrysostomus)