In einem strengen Winter verließ ein Mönch das Kloster und machte sich auf den Weg zum Dorf am Fuße des Berges, um nach einem Kind zu sehen, das krankheitsbedingt ans Bett gefesselt war. Am Waldrand fand er einen vor Hunger und Kälte verendeten Hirsch im Schnee liegen, setzte aber seinen Weg fort.
Im Haus des Jungen angekommen, rief er dessen Vater zu sich und sagte ihm: „Unweit von hier habe ich einen Hirsch gefunden, den Kälte und Hunger dahingerafft haben. Komm, hol ihn, dann habt ihr für eine Weile Nahrung!“
Froh dankte der Mann dem Mönch und folgte ihm an die besagte Stelle. Doch neben dem toten Hirsch lag nun ein Wolf, der das Tier in der Zwischenzeit gefunden und verschlungen hatte. Da er nicht wusste, wann er aufhören sollte, und nur von einer übermäßigen Gier getrieben war, hatte der Wolf viel mehr gefressen, als er gebraucht und benötigt hätte. Nun lag er tot da, getötet von seiner eigenen Gier.
Als der Mönch all dies sah, sagte er zu dem Bauern: „Siehst du, manche sind wie der Hirsch, von Sorgen und Nöten, von Entbehrungen und Schwierigkeiten überwältigt. Ihre Seele verdunkelt sich und ‚erstarrt‘ in so viel Leid. Sie vergessen Gott und das Heilige, gefangen in dem harten Leben, das sie führen, obwohl allein der Glaube ihre Seele noch erwärmen könnte. Nur die Liebe und Barmherzigkeit Gottes können sie stärken; sie müssen sie nur suchen. Aber andere – wehe ihnen! – sind wie der Wolf. Sie haben, was sie brauchen, sie haben sogar mehr, als sie bräuchten, und dennoch sind auch sie seelisch tot. Sie leben nur für sich selbst, obwohl sie auch anderen geben könnten. Ihre Seele ist ‚erstarrt‘ vor Egoismus, verdunkelt von Gier. Wehe ihnen, denn ihre Sünde ist umso größer! Von Schwierigkeiten überwältigt zu sein, ist eine Schwäche, aber von Vergnügen niedergeworfen zu werden, ist eine Schande! Beim Jüngsten Gericht, das bald kommen wird, wird es schlimm sein für die Seele, die von Schwierigkeiten niedergezwungen wurde, aber es wird ein Weh und Ach sein für die Seele, die von Vergnügen niedergezwungen wurde.“
„Die Versuchungen sind zweierlei Art: Entweder prüfen die Bedrängnisse des Lebens die Herzen und offenbaren ihre Geduld, oder der Überfluss des Lebens wird wiederum zu einer Form der Versuchung. Es ist gleichermaßen schwer, sowohl seine Seele von den Schwierigkeiten ungedemütigt zu bewahren als auch sie in hohen Stellungen nicht zu beleidigen“ (Der heilige Basilius der Große).