Vor langer Zeit lebte in einem Dorf ein Bäcker, der für sein Brot berühmt war. Eines Tages jedoch schienen ihm die Butterstücke, die er gerade von einem Bauern gekauft hatte, etwas zu leicht zu sein, und er legte sie auf die Waage. Und siehe da! Statt 1 kg, wie ein Stück wiegen sollte, wog jedes nur 800 Gramm.
Wütend ging der Mann sogleich zum Gericht und sagte, der Bauer betrüge die Leute und verlangte natürlich dessen Bestrafung. Es vergingen keine zwei Stunden, und der Bauer wurde vor den Richter gebracht, der ihm drohte: „Wenn es wahr ist, was der Bäcker sagt, dass du die Leute an der Waage betrügst, werfe ich dich sofort ins Gefängnis.“
„Verzeiht mir“, sagte der Bauer, „aber ich bin unschuldig.“
„Wie kannst du es wagen zu lügen?“, fuhr der Bäcker ihn an. „Noch heute habe ich diese Butterstücke von dir gekauft. Herr Richter, Ihr müsst diesen Scharlatan einsperren, der versucht hat, mich zu täuschen!“
„Ist das so, mein Mann?“, fragte da der Richter. „Ist diese Butter von dir?“
„Sie ist von mir, aber, seht Ihr, ich habe nicht viel Geld. Ich habe mir eine Waage gekauft, hatte aber kein Geld mehr für Gewichte, also lege ich Butter auf eine Seite der Waage und auf die andere ein Brot vom Bäcker, das – wie er sagt – 1 kg hat. Wenn nun das Brot des Bäckers keine 1 kg hatte, was für eine Schuld trage ich dann?“
Als der Richter das hörte, wog er sofort ein Brot, und tatsächlich hatte es nur 800 g. Anstelle des Bauern landete der wahre Schuldige im Gefängnis, der Bäcker, der nicht nur die Leute betrog, sondern auch noch wollte, dass derjenige, der genau wie er gehandelt hätte, streng bestraft wird.
Wer betrügen will, betrügt sich selbst. Auch wenn kein Mensch seine Verfehlung sieht, so sieht Gott doch seine Sünde; und wenn sie dann auch noch die Menschen entdecken, ist die Scham umso größer. „Mit nichts erzürnst du Gott so sehr, als wenn du jemandem Unrecht tust“ (Heiliger Johannes Chrysostomus).