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Gleichnis

Der Traum

Zum dritten Mal fiel der junge Mann bei der alle drei Jahre stattfindenden Prüfung durch. Das Pech verfolgte ihn, während andere Schüler, weniger begabt und weniger gelehrt, mehr Glück hatten. Voller Traurigkeit verließ er die Hauptstadt, um mit seinem Bündel an einem Stock in sein Heimatdorf zurückzukehren.

Von einem Unwetter in den Bergen überrascht, suchte er Schutz in einer Höhle, die die Wohnstatt eines alten und weisen Mönchs war. Der Eremit bat ihn, auf dem einzigen „Möbelstück“ der Höhle Platz zu nehmen, einem glatten Steinbett. Während er aus dem Augenwinkel den Topf mit kochendem Maisbrei betrachtete, fragte er den jungen Mann gütig, welchen Weg er noch vor sich habe. Dieser erzählte ihm von seinem Scheitern, von seinem Wunsch, nicht aufzugeben, von seinen Hoffnungen und seinem Ehrgeiz.

Der Eremit hörte ihm schweigend zu, dann forderte er ihn auf, sich auf das Bett zu legen und auszuruhen, bevor er seine Reise fortsetzte.

Nach drei Jahren erhielt der junge Mann den Titel des obersten Gelehrten des Reiches. Sogleich erfuhr er Ruhm. Zuerst die Reihe unvergesslicher Feierlichkeiten: Sein Name wurde von einem Herold durch ein Sprachrohr vor der versammelten Menge ausgerufen, dann die feierliche Übergabe des Hofgewandes durch den Großkammerherrn, die Prozession durch die Hauptstadt auf einem weißen Pferd, dann weiter bis in sein Heimatdorf, wo tagelang die Feste und Gelage kein Ende nahmen. Danach übernahm er seine hohen öffentlichen Ämter, es folgte die Heirat mit der schönsten der Kaisertöchter. Nach einigen Jahren wurden ihm schöne Söhne geboren und er wurde in den Rang des Premierministers erhoben. Er erreichte den Gipfel des Ruhms und des Reichtums, an dem er sich fünfzehn Jahre lang erfreute.

Es folgte ein Einfall der Barbaren. Die ersten Schlachten waren eine Katastrophe für den Kaiser. Berufen, den Befehl über die Armee zu übernehmen, gelang es ihm, die Eindringlinge zurückzuschlagen, woraufhin er ihre Ländereien eroberte und ihren König tötete. Der wilde Charme der Barbarenkönigin eroberte und unterwarf ihn. Getrieben von unbändiger Leidenschaft vergaß er seine Frau, sein Heim, seine Pflicht gegenüber dem König und dem Land gänzlich. Vergeblich rief ihn der König zurück.

Schließlich sah sich sein König gezwungen, eine Armee gegen ihn zu entsenden. Doch er lehnte sich auf, wollte sich im Kampf widersetzen, aber seine Hauptleute verrieten ihn und lieferten ihn dem Kaiser aus. Trotz aller Bitten seiner Frau verurteilte ihn der Kaiser zum Tode. In der Nacht vor der Hinrichtung zog sein ganzes Leben vor seinen Augen vorüber: die ärmliche Kindheit, die Mühen als Schüler, der blitzschnelle Aufstieg, das Glück, die berauschende Leidenschaft, die Verirrung und der unerwartete Fall.

Der junge Mann öffnete die Augen. Er befand sich in der Höhle, auf dem glatten Steinbett liegend. Neben ihm kauernd, kaute der alte Mann langsam sein Gekochtes. Nur das leise Geräusch des Löffels, der auf den Topfboden schlug, kaum lauter als das Knistern des Feuers, störte die Stille des Berges. Der Regen hatte aufgehört.

„Junger Mann, welch langen Traum du hattest, aber mein Gekochtes ist noch nicht fertig. Gewähre mir noch einen Augenblick und mach mir dann die Freude, dieses karge Abendessen mit mir zu teilen.“